Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri April 2015

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri April 2015

Das royale Fieber ist ausgebrochen

Sie können sich noch an Ostern erinnern? Das ist ein gutes Zeichen. Drohte doch in diesem Monat eine Epidemie, alle anderen Ereignisse in den Hintergrund zu drängen: das royale Fieber.

Erste Merkmale sind unbändige Freude bei der Ankündigung des Queen-Besuchs, der in Frankfurt für den 25. Juni geplant ist, oder beim Warten auf die Geburt von Kates zweitem Baby. Auf eines der Ereignisse mit Sekt anzustoßen ist aber zwecklos. Denn der Erreger des royalen Fiebers ist offenbar gegen die gängigen Alkoholika multiresistent. Schließlich sind die Briten seit Jahrhunderten trinkfreudig, aber dadurch nicht geheilt.

Sogar die ständige Nähe zu den Royals, quasi die Hyposensibilisierung, hilft nichts. So gibt es keinen Streik auf Schloss Windsor, vermutlich weil die Angestellten infiziert sind. Allerdings wollen sie künftig auf unbezahlte Mehrarbeit verzichten. Die ist ja auch nicht notwendig. Schließlich sollten die Windsor-Mitarbeiter inzwischen wissen, wie sie sich ein Zubrot verdienen können: durch gezielte Indiskretionen gegenüber der Presse.

In den ehemaligen Kolonien Großbritanniens, die sich durch ihre Unabhängigkeit zu weit von der Queen entfernt haben, sieht es dagegen düster aus. In Malta stimmten die Bewohner für die Beibehaltung der Singvogel-Jagd. Dabei ist den Befürwortern vermutlich entgangen: Bei ihnen piept’s zwar – aber das sind gar nicht die Singvögel auf der Durchreise.

In Neuseeland, ebenfalls britische Ex-Kolonie, entdeckte eine Frau eine halbe Kakerlake im Hamburger. Ihrer Meinung nach ist der Fund einer halben Kakerlake schlimmer als der einer ganzen. Offenbar hat sie noch nichts vom Trend „Food Sharing“ gehört. Aber auch moderne Ernährungsexperten sind angesichts des Falles aus Neuseeland entsetzt: Schließlich ist der Hamburger aus Massentierhaltung zur artgerecht frei lebenden Kakerlake keine gesunde Beilage.

Allerdings sind die Nicht-Kolonien nicht besser dran. Dort nämlich kann das royale Fieber zu krassen Fehleinschätzungen führen. So haben die Lokführer offenbar GDL-Chef Claus Weselsky als ihren König anerkannt und folgten ihm in einen Bahnstreik, der ein versteckter Krieg gegen die Fahrgäste ist. Und die Passagiere verlieren immer. Macht doch die Bahn, sogar wenn sie fährt, oft Gefangene – etwa indem sie Haltepunkte vergisst. So stoppte ein IC nicht, wie in völlig irrwitzigen Fahrplänen vorgesehen, in Gütersloh. Die Aussteigewilligen wurden bis Hamm im Zug kaserniert, kulinarisch gefoltert vom mobilen Brezelverkäufer oder Bordbistro. Es ist grausam.

Der EZB-Chef dagegen wird als König von Europa nicht akzeptiert – das zeigte der Konfetti-Angriff auf Mario Draghi. Eine Femen-Aktivistin sprang auf seinen Tisch und überschüttete ihn plötzlich mit den bunten Schnipseln. Ein wahrer Skandal! Denn bei dieser Aktion wurde eine Grenze überschritten: Schließlich war die Femen-Aktivistin bekleidet.

Wer aber bleibt uns Deutschen als Queen-Ersatz, wenn uns das royale Fieber ergreift? Haartransplantat-Träger Jürgen Klopp ist als BVB-Trainer zurückgetreten, und VW-König Ferdinand Piëch hat seinen Thron verlassen. Manche meinten ja, er sei nur Aufsichtsratschef gewesen, aber die Symptome zeigten: Er war von der mutierten Form des royalen Fiebers infiziert, bei der sich der Erkrankte selbst für den Monarchen hält – allerdings für einen aufgeklärten. Immerhin sagte er während des Machtkampfs: „Ich distanziere mich von Winterkorn.“ Früher wäre der Widersacher gleich geköpft worden.

Auch Sänger Jürgen Drews kann leider keine deutsche Queen werden. Na gut, er hat schon Erfahrung als selbst ernannter „König von Mallorca“. Er löst vielleicht Hitzewallungen aus, die entweder auf royales Fieber, die Wechseljahre oder gepanschten Sangria zurückzuführen sind. Aber er ist in diesem Monat erst 70 geworden – also nur wenig älter als Prinz Charles. Und hochbetagte Mütter wissen: In dieser unreifen Lebensphase kann ein Mann einfach noch nicht überblicken, wofür er schon zu alt ist.