Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri April 2019

EIN BISSCHEN FLEXI-FRIEDEN

„Bin ich schon drin?“, fragte einst Boris Becker. Und meinte, wie Jüngere vermutlich nicht mehr erahnen, damit das Internet. Aber selbst Becker, Kenner von London und angrenzender Besenkammern, hätte sich damals nicht im Traum vorstellen können, wie die Frage heute lautet: Sind die Briten noch drin? Ja, das sind sie – in der EU.

Denn dieser Monat brachte den „Flexi-Brexit“ ins Spiel. Eine tolle Möglichkeit, manches ein wenig flexibler zu handhaben. Vermutlich war das kein Zufall, ist doch der April schon vom Charakter her ein Flexi-Monat – beim Wetter changierend zwischen Sommer,Winter und Weltuntergang. Und wenn die Dürre jetzt öfter ins Spiel kommt, muss nicht unbedingt der Klimawandel bemüht werden. Flexi-Klima klingt viel netter.

Und für dieses wird ja mit hoher Flexi-Moral vieles getan. Einige Abiturienten bemühen sich bereits, durch Aktionen vor Ort ihre klimaschädliche Flugreise wieder auszugleichen. So bekämpfen sie die Trockenheit im eigenen Mund undsenken gleichzeitig die bedrohlich hohen Pegel in Ballermann-Saufeimern.

Zudem hat Klima-Vorreiter Berlin dank ständiger Flexi- Flughafeneröffnungen noch keinen fertiggestellten Airport – gemeinsam mit dem leeren Flughafen Kassel-Calden das beste Beispiel für die Weiterentwicklung der von Greta Thunberg geforderten Flugscham: Flughafenscham.

Aber man kann auch klimaverträglich fliegen – zumindest raus aus der Botschaft. Das erlebte jetzt Wikileaks-Gründer Julian Assange, als er von uniformierten Fußgängern dort herausgezerrt wurde. Offenbar hatte Ecuador spontan das Flexi-Asyl eingeführt, das Auslieferungen manchmal eben doch möglich macht. Unklar blieb leider hinterher, ob Assange wirklich im Asyl seine Wände mit Exkrementen beschmiert oder Interviews in Unterhosen gegeben hat. Das zeigt schwere Versäumnisse. Denn ein solches Verhalten wäre für eine RTL-Dokusoap normal gewesen, wurde vom Sender aber sträflicherweise nicht verarbeitet zur Botschaftsshow: „Ich bin ein Hacker – holt mich nicht hier raus.“

Vielleicht liegt es daran, dass die Politik der Unterhaltungsbranche die Show stiehlt. Was sind schon die künstlich erzeugten Eifersuchtsanfälle in Casting-Shows gegen die prickelnde Flexi-Dreiecksbeziehung von Kim Jong-Un mit Putin und Trump? Erst traf Nordkoreas Diktator den US-Präsidenten, jetzt hatte er ein Rendezvous mit Wladimir Putin und kam ganz romantisch mit dem Panzerzug an. Süß die Haare frisiert hatte er sich auch noch. Bitter für Trump: Die Beziehung des Nordkoreaners und des Russen scheint sich auf ganz anderer Ebene abzuspielen, war doch von „inhaltsvollen Gesprächen“ die Rede. Mit dem US-Präsidenten wäre das nicht denkbar.

Aber der Westen muss dazulernen. So forderte Brunei Toleranz für sein neues Gesetz zur Hinrichtung von Homosexuellen. Es kann ja mit etwas Flexi-Toleranz nicht so schwer sein, Todesstrafe und Grausamkeit als kleine Sultansmarotte zu akzeptieren. Bei saudischen Scheichs klappt das ja auch, selbst wenn ihnen nach Unartigkeiten mit der Kettensäge das Kriegsspielzeug mal kurz weggenommen wird. Ein bisschen Flexi-Frieden reicht schließlich.

Allerdings ist der Westen auch oft von Katastrophen abgelenkt. Nein, gemeint ist nicht etwa der Brand von Notre-Dame. Sondern der Facebook-Post des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Er schrieb, eine Bahn-Werbung mit Menschen verschiedener Hautfarbe entspräche nicht der gesellschaftlichen Realität. Das empört zu Recht! Tatsächlich variieren die Hautfarben im Zug stark, oft schon bei einem einzigen Menschen: Mal blass vor Entsetzen über Verspätungen, dann rot vor Wut über verpasste Anschlüsse, grün im Gesichtdank ausfallender Klimaanlage oder gelb vor Neid auf Autofahrer.

Dieser Flexi-Teint ist gelebte Vielfalt und keinesfalls der Untergang des Abendlandes. Denn wie so manche Weiterfahrt verzögert der sich auch auf  unbestimmte Zeit

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