Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri April 2020

SELTSAM IST DAS NEUE NORMAL

Die Welt war in diesem April anders als früher – soweit sich das aus dem Fenster erkennen lässt. Aber das ist nicht seltsam, sondern ganz offiziell die neue Normalität. Oder anders gesagt: Seltsam ist das neue Normal.
So haben Geschäfte wieder geöffnet, obwohl die Pandemie noch da ist. Könnten aber wieder schließen, wenn die Menschen tatsächlich hingehen. In einem Bundesland herrscht Armin der Lasche (im Küchenlatein „Laschet“), im anderen Markus der Strikte – deswegen ist es dort so öder. Es wird mit zweierlei Maß gemessen, beklagen daher manche. Doch zweierlei Maß ist der neue Pluralismus.
Eine deutsche Regel aber überzeugt so sehr, dass sich sogar der US-Allmächtige Donald Trump daran hält: Er hat die USA für Einwanderer erst einmal dicht gemacht, denn sein Geschäftsbereich ist größer als 800 Quadratmeter. Riesig ist das neue Geschlossen. Aber innerhalb dieser geschlossenen Abteilung weiß Trump als weltgrößter Wirr-ologe: Wenn man das Gehirn mit Desinfektionsmittel aufspritzt, halten oben drauf die Haare besser. Deswegen braucht er auch nicht diese World Hair Organisation, oder was immer da abgekürzt wird mit WHO.
In Deutschland dagegen herrscht weiterhin Frisurenkrise, vermutlich schon in der zweiten Welle – nach den ersten stümperhaften Selbstschneide- und Selbstfärbeversuchen. Aber wenigstens können sich die Verzottelten in der Öffentlichkeit mit Mundschutz tarnen. Einkäufer sind nämlich die neuen Vermummten. Damit setzen sie gleichzeitig ein Zeichen der Solidarität mit notleidenden Kriminellen: So fehlt Taschendieben die Menschenmenge. Einbrechern wird die Geschäftsgrundlage entzogen, da alle zuhause sind. Grabscher greifen mit drei Armlängen auf Abstand ins Leere. Die Mafia muss angesichts geschlossener Restaurants auf Schutzgeld-Zahlungen verzichten. Und es gibt meistens kein Ausweichen ins Home Office.
Bleibt als Hoffnungsschimmer erst einmal nur der Berliner Flughafen BER. Das ist vielleicht das Seltsamste überhaupt, die größte Abweichung von der Welt, wie wir sie kannten. Soll doch der Airport im Oktober tatsächlich eröffnen – das wird nach der Absage der Wiesn quasi das Oktoberfest der Herzen! Niemand weiß zwar, ob der Flugverkehr bis dahin wieder aufgenommen wird. Oder ob lediglich Geisterflüge abheben mit dem bei Geisterpassagieren sehr beliebten Urlaubsziel Potemkinsche Dörfer (Sonnengarantie, günstige Preise, völlig virenfrei, keine Reisewarnung). Aber vielleicht ist für den BER ja Krise die neue Rettung: Denn wo niemand fliegt, gibt`s auch keine Pannen.

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