Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri September 2014

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri September 2014

Die Liebe endet an der Toilettentür oder im Bestseller

Alles neu macht der Mai, genug verändert ist im September. Dann muss die Marmelade eingekocht und die Liebe konserviert werden. Vielleicht liegt es daran, dass sich der September 2014 als Monat der großen Gefühle entpuppt hat.

So wimmelte es vor Traumhochzeiten. Viele Fans freuten sich über die Eheschließung der Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pitt, die sprachlich längst zu Brangelina verschmolzen sind. Frauen weinten über die Hochzeit von George Clooney mit Amal Alamuddin in Venedig. Und wir Deutsche können mithalten! Veronica Ferres ehelichte Carsten Maschmeyer, das hatte so viel Sex-Appeal wie Maschmeyers Heimatstadt Hannover. Vor allem aber haben wir Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus, der zum fünften Mal vor den Traualtar treten will. Ach, sein Liebesleben ist genau so international wie die Familie von Brangelina! Denn sowohl die sechs Kinder der Hollywood-Stars als auch die fünf Ehefrauen von Matthäus kommen aus aller Herren Länder. Und in beiden Fällen ist das Ende der Fahnenstange bestimmt noch nicht erreicht.

Aber nicht nur Menschen bleiben einander verbunden. Auch Schottland will sich trotz seiner langen Ehekrise nun doch nicht von Großbritannien trennen, wie das Referendum zeigte. Zwar schien die Scheidung verlockend, aber die wirtschaftlichen Folgen waren doch zu unabsehbar. Das kennen viele Ehepaare. Jetzt folgt eine offene Ehe – beide Partner nehmen sich mehr Freiheiten, aber nach außen hin tritt man noch zusammen auf.

Doch selbst Beziehungen von solch geringer Verbindlichkeit gibt es zwischen deutschen Parteien kaum. Die Wahlerfolge der AfD in Thüringen und Brandenburg haben die Frage „wer mit wem“ ganz neu aufgeworfen. Dafür hat Bernd Lucke, der Vorsitzende der AfD (Alternative für Deutschland) seine Liebe zur DDR entdeckt und die innere Sicherheit im damaligen Sozialismus gelobt. Das war natürlich politisch nicht ganz korrekt, denn die Sicherheit vor dem äußeren Feind war schließlich viel größer – durch die Methode Mauerbau. Immerhin hat die AfD nun endlich ein Thema jenseits des Euro-Genörgels. Sie müsste nur konsequenterweise einen kleinen Buchstaben in ihrem Namen ändern – in AzD „Alternative zur Demokratie“.

Was aber kommt nach der Liebe? Auch darauf gab es im September Antworten, etwa beim Pistorius-Urteil. Der Sprinter wählte die Variante „Liebe bis dass der Tod Euch scheidet“, verlegte den Tod seiner Partnerin aber zeitlich vor die Eheschließung. Seine Tat war, wie die Richterin Thokozile Masipa nun urteilte, kein Mord, sondern fahrlässige Tötung. Ein zu mildes Urteil, fanden viele. Aber es ist ja tatsächlich völlig unklar, mit welcher Absicht jemand vier Mal durch eine Toilettentür schließt. Nach längerer Beziehung hätte die Interpretation vielleicht gelautet: Er wollte endlich auch mal ins Bad.

Wenn die Liebe aber Eheschließung und nächtliche Toilettengänge übersteht, führt sie bisweilen zu Nachwuchs. So wurde Kates zweite Schwangerschaft in diesem Monat bekannt. Und künftige Generationen können sich freuen. Sind doch die jüngeren Geschwister im britischen Königshaus oft die besten Garanten für Unterhaltung und schlüpfrige Schlagzeilen. Einst war es Prinz Andrew, der sich als „Randy Andy“ mit einem Erotikmodel einließ. In den letzten Jahren amüsierte uns Stripbillard-Spieler Prinz Harry, der in diesem Monat schon 30 wurde und beim Lotterleben dringend Ablösung braucht. Von Prinz Georges kleinem Geschwisterchen ist also viel zu erwarten. Heute in Windeln, morgen in Vegas.

Die Liebe allerdings kann nicht nur durch Tod oder Nachwuchs enden. Es bleibt noch eine weitere Möglichkeit: der Bestseller. Das Buch von Valérie Trierweiler, der Ex-Geliebten von Frankreichs Präsident François Hollande, war sofort ausverkauft. Jeder wollte lesen, wie sie mit ihm und der Beziehung abrechnete. Kein Wunder also, dass Ex-Präsident Nicolas Sarkozy nun zurück in die Politik will. Denn sonst kauft später niemand den Enthüllungsroman über seine Ehe mit Carla Bruni, gerüchteweise lautet der Arbeitstitel: „Schneewittchen und der Élysée-Zwergg.

Unwahr ist allerdings, dass der lange Streik bei Air France darauf zurückzuführen ist, dass alle französischen Piloten erst das Trierweiler-Buch zu Ende lesen wollen. In Deutschland haben die Lufthansa und die Bahn schließlich auch ihre Streiktage. Angeblich geht es um Gehälter und Übergangsversorgung, aber vielleicht sollen die Streiks auch die Romantik fördern: Schließlich mussten Reisewillige an manchen September-Tagen zu Hause bei ihren Liebsten bleiben, begaben sich nicht auf affärenträchtige Geschäftsreisen oder fuhren in Urlaube, die oft nur zur Ehekrise führen. Und wer seinen Partner verlassen wollte, hat sich das angesichts der Unfälle auf der A3, der Flugausfälle und gestrichenen Zugausfälle vielleicht noch mal überlegt. Totale Sicherheit ensteht eben oft erst, wenn überhaupt keine Alternativen bestehen.

Doch Herzklopfen musste auch im September sein – und dafür gibt es die Börse. Schließlich ist die Liebe zum Geld oft das tiefste aller Gefühle. Jetzt schlug das Herz der Anleger für einen chinesischen Internetgigangen, der Börsengang von Alibaba war der allergrößte. Richtig märchenhaft. Und bestimmt wird sich Alibaba von seinen 40 Räubern auch niemals trennen. Die wissen nämlich, wie man den Leuten das Geld abknöpft, und heißen Anlageberater.