Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri August 2014

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri August 2014

Wenn der Mensch das Sommerlochtier ersetzt

Das war ein böser Dominoeffekt: Kein Sommer, kein Sommerloch und kein wochenlang gesuchtes Sommerloch-Tier. Denn der einzige Kandidat, ein Elch, ließ sich nach einem Kurzbesuch im Dresdner Siemens-Werk lieber gleich einfangen, als noch mehr Zeit in der Kantine zu verbringen. Vielleicht fürchtete er, dort Artgenossen im angeblichen Rindfleisch zu entdecken.

Ansonsten blieb zwischen Ebola-Angst und Krisen in Nahost, Irak und Ukraine offenbar keine Zeit für entlaufene Kängurus und verspielte Schnappschildkröten. Möglicherweise hielten sich die Tiere aber auch aus anderen Gründen zurück.

Hatten manche doch das Gefühl, dass ihnen der seltsame Homo sapiens ohnehin die Show stahl. So sahen Steinadler und Murmeltiere in den Alpen viele Bergwanderer, die von ihnen inzwischen als „Problemmenschen“ eingestuft werden. Obwohl nicht trittsicher, wagen sich diese nämlich auf hohe Gipfel und einsame Pfade, überschätzen sich – und bemerken zu spät, dass sie flugunfähig sind. Für die Tierwelt ist das aufgrund der vielen Schreie und Suchaktionen äußerst lästig.

Ziemlich grottig versucht sich der Mensch auch als Höhlentier. Und das endete wieder mal in einem Höhlendrama. Ein polnischer Forscher stieg in die Jack-Daniel’s-Höhle in Österreich und musste herausgetragen werden. Dabei hätte für dieses Erlebnis noch auch ein Besäufnis in einer ganz normalen Lasterhöhle gereicht.

Aber nicht nur im Gebirge scheitert der Homo sapiens. Er dezimiert seinen Bestand auch durch Selfie-Unfälle. So stürzten von einem spanischen Hotelbalkon und an Portugals Küste Urlauber beim Selbst-Fotografieren in den Tod, weil sie das Gleichgewicht verloren und nach hinten fielen. Ohne Blick aufs Smartphone können Menschen aber durchaus mal zurücktreten, wenn sich hinter ihnen ein Abgrund auftut. Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat es ja auch geschafft – und lebt noch.

Immer mehr Zweibeinern reicht es allerdings nicht mehr, sich selbst zu knipsen. Es muss gleich ein Video sein. So grassierte unter Prominenten eine Epidemie: Sie verspürten plötzlich den Drang, sich mit Eiswasser aus einem Eimer zu überschütten, sich dabei zu flmen und das im Internet hochzuladen. Diese Ice Bucket Challenge sollte ursprünglich auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen und für Spenden werben. Aber im Stadium der gefühlten Prominenz hätten sich einige wohl auch mit Jauche überschüttet, um auf Darmkeime hinzuweisen. Oder mit Urinproben, um gegen Doping zu protestieren. Hauptsache, es guckt jemand zu.

Wo sich der Internet-Promi überschüttet schüttet sich so mancher Schütze lieber zu. Ganz selten natürlich. Doch sogar im geschützten Biotop des Schützenvereins hat der Homo sapiens bisweilen Probleme mit dem gesellschaftlichen Klimawandel. So wurde der Sieger der Rangkämpfe im westfälischen Werl nicht gleich als Alpha-Männchen anerkannt – wegen seiner Religionsfärbung. Nun darf der muslimische Schützenkönig nur ausnahmsweise im Amt bleiben. Und das ist zum Schießen.

Wenn aber Menschen die problematischen Sommerloch-Tiere ersetzen, wie wird die Natur sie wieder los? Mutter Erde versuchte es mit Erdbeben von Kalifornien bis Südhessen, mit Erdrutschen und angekündigten Vulkan-Rülpsern, konnte sich aber nicht zu radikalen Erziehungsmaßnahmen wie dem Weltuntergang entschließen. Das Einschläfern von Sommerloch-Menschen wäre zu hart – und würde außerdem kaum auffallen. Sind doch viele Zweibeiner nach dem Urlaub ohnehin ziemlich träge. Tiere sprechen sich daher eher für ein Einfangen des Homo sapiens und eine kontrollierte Haltung unter nicht artgerechten Bedingungen aus. Er selbst nennt das übrigens Rückkehr an den Arbeitsplatz.