Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri August 2015

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri August 2015

Zeitverschiebung in Nordkorea lässt Gesichtszüge einfrieren

Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät? Diese bewegenden Fragen werden dem großen Philosophen Paulchen Panther zugeschrieben. Und sie stellten sich nie drängender als im August 2015.
So hat Nordkorea, Vorreiter in der kreativen Diktatur-Branche, seine Uhren eine halbe Stunde zurückgestellt – angeblich um die Spuren japanischer Besatzung zu tilgen. Das ist einfallsreicher als das ständige Abschaffen und Wiedereinführen der Winterzeit in Russland. Und es kann, mit etwas Phantasie, auch der Deutschen Bahn helfen. Denn ein Zug, der hier eine halbe Stunde zu spät kommt, wäre in Nordkorea noch pünktlich.
Bei RTL musste es gleich ein halbes Jahr Zeitverschiebung sein. Schließlich hat der Sender beim Sommerdschungel schon jetzt alte Kandidaten für den Winter von der Straße geholt und sie um einen Platz an der Spinne kämpfen lassen. Allerdings war das Betrachten seltsam starrer Gesichter, in denen frühere Teilnehmer erkannt werden mussten, eine zu schwierige Ekel-Prüfung für den Zuschauer. Aber vermutlich war es gar kein Lifting, sondern die Zeitverschiebung in Nordkorea, die die Gesichtszüge von Costa Cordalis oder Brigitte Nielsen für immer einfrieren ließ.
Interessanter war da das politische Sommer-Sumpfcamp in Berlin. Hier musste Generalbundesanwalt Harald Range vorzeitig das Camp verlassen, weil Justizminister Heiko Maas mehr Zuschauerstimmen bekommen hatte – oder so ähnlich. Gescheitert war Range an der Frage: Ist es Landesverrat, wenn Journalisten Informationen auf netzpolitik.org veröffentlichen? Ist ja auch nicht einfach. Und vielleicht wollte er ebenfalls mal eigenständig die Zeit zurückdrehen – auf das Jahr 1962 mit der journalistenfeindlichen „Spiegel-Affäre“.
Eine Überleitung von „Affäre“ zur Trennung von Gwen Stefani und Gavin Rossdale   ist undenkbar. Niemand weiß ja, warum ihre Ehe nach 13 Jahren in die Brüche ging. Immerhin ein Trost: In Deutschlands Scheidungshochburg Emden  hätte sie gar nicht so lange gehalten. Das widerlegt das Vorurteil, dass Ostfriesen langsam sind. Denn wenn sie erst begriffen haben, dass sie verheiratet sind, lassen sie sich sofort wieder scheiden. Dabei würden manche Norddeutsche gern die Zeit zurückdrehen – und den einzigen Satz, den sie in jahrelanger Ehe gesagt haben, wieder ungeschehen machen.
Aber das menschliche Miteinander bleibt schwierig, auch unter Kollegen. So wurde eine betrunkene lettische Crew von Air Baltic in Oslo am Abflug gehindert. Dabei ist Trunkenheit nur ein falscher Zeitabstand zwischen Saufen und Ins-Röhrchen-Pusten. Ein Mitglied der Kabinenbesatzung hatte jedoch keinen auffälligen Promille-Wert. Das wirft kein gutes Licht auf das Arbeitsklima. Wenn nämlich einer nicht mittrinken durfte, war das vielleicht schon Mobbing.
Wie tröstlich, dass in dieser bösen Welt mit Flüchtlingsdramen und Explosionen wenigstens Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterhin über uns wacht. Sie will 2017 wieder als Kanzlerkandidatin antreten, mutet uns keine Veränderungen zu und ist trotzdem mit jeder Entscheidung ihrer Zeit voraus. Allerdings nur dann, wenn sie vorher ihre Uhr eine halbe Stunde zurückgestellt hat.