Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Februar 2019

DIE WELT HAT IHR ZÖPFCHEN VERLOREN

Er ist nicht mehr da. Das war die wichtigste Aussage in diesem Monat – und gemeint ist nicht etwa der Weltfrieden, der gesellschaftliche Zusammenhalt oder der Sinn des Lebens. Sondern der deutsche Modezar Karl Lagerfeld.

Vor lauter Trauer ist Deutschland, sonst als Land der Dichter und Denker eher verkopft, nun völlig verzopft. Überall ist der Haarschwanz des verstorbenen Meisters zu sehen wie eine mediale Reliquie. „Die Welt hat ihr Lächeln verloren“, hieß es beim Tod von Prinzessin Diana. „Die Welt hat ihr Zöpfchen verloren“, müsste es nun heißen. Und viele Fragen schließen sich an: Wird irgendein anderer jemals diese Frisur mit solcher Würde tragen? Ist die vorher nicht ausreichend beachtete Ära der Modezaren nun völlig zu Ende? Der einzig andere bekannte Zar weltweit ist schließlich Russlands Präsident Wladimir Putin. Er ist aber modisch eher der Gegenentwurf zu Stehkragen-Karl, hat er sich doch bislang eher dadurch hervorgetan, dass es seinen Kritikern an den Kragen geht.

Alle anderen Ereignisse verblassen da – oder verschwimmen im Meer der Tränen. So war etwa der deutsche Vorentscheid zum Eurovision Song Contest den Klausurtagungen der Koalitionsparteien verdächtig ähnlich. Kein Beitrag überzeugte, alles war auf schnellen Stimmenfang ausgerichtet, und die Hoffnung ruhte auf den Frauen. Wer aber diese Veranstaltungen gar nicht mehr voneinander unterscheiden kann, erhält hier einen wertvollen Hinweis: Beim Duo „S!sters“ handelt es sich nicht um CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Andrea Nahles, die öffentlich dem Zickenkrieg abschwören. Ist auch nicht nötig. Denn beide haben längst zu einer tieferen Frauensolidarität gefundeals die Sängerinnen, nannte doch die CDU-Chefin bei einer Pressekonferenzihre Partei versehentlich„Sozialdemokraten“. Und danach herrschte Katerstimmung – wie vermutlich gelegentlich bei Lagerfelds Katze „Choupette“.

Den Oscar als bester Film bekam „Green Book“. Vermutete Handlung: Grünen-Chef Robert Habeck kutschiert als Taxifahrer Lungenfacharzt Dieter Köhler auf dessen Wunsch durch Fahrverbotszonen. Köhler vergisst beim Aussteigen aber Aufzeichnungen mit seinen falschen Berechnungen über die Schadstoffbelastung im Taxi. Spätestens hier halten die Zuschauer vor Spannung die verseuchte Luft an. Denn die Zukunft der Menschheit hängt – überraschende Wende des Films – plötzlich an dem grünen Bundestagsfraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter. Das macht zwar inhaltlich keinen Sinn, würde jedoch das momentan größte Bedürfnis der Deutschen erfüllen. Denn Hofreiter könnte sich aus seinen Haaren einen Zopf binden.

Leer ausgegangen beim Filmpreis ist dagegen das deutsche  „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck. Vermutlich lag es am Titel. Im Trend liegen nämlich eher „Text ohne Sinn“, „Nachricht ohne Fakten“, „Trump ohne Mauer“ – und ganz aktuell: „Brexit ohne Austritt“.

Geschmacklos wäre allerdings die Anspielung „Prinz ohne Lappen“ . Denn Prinz Philip gab zwar im zarten Alter von 97 Jahren seinen Führerschein ab – das aber sollte ebenso wie der Brexit noch einmal gründlich überdacht werden. Denn der Queen-Gemahl hat vielleicht nicht mehr die volle Kontrolle über sein Auto, aber immerhin über sein Leben. Erfüllt er doch das dafür wichtigste Lagerfeld- Kriterium: Er trug niemals eine Jogginghose.

So führt letztlich alles wieder zum verstorbenen Zopfzaren, für den Deutschland nun dringend Ersatz braucht. Wie wäre es, wenn CSU-Chef Horst Seehofer 20 Kilo abnimmt, sich die Haare wachsen lässt, eine Sonnenbrille aufsetzt und Handschuhe anzieht? Zugegeben, ihm fehlt Lagerfelds Eleganz. Aber Kanzlerin Merkel könnte dann wieder gut abschneiden. Zwar nicht bei Wahlen, aber einen ganz alten Zopf.

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