Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Juli 2014

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri Juli 2014

Die Verfügbaren sind immer die besten

Das war der längste Juli aller Zeiten. Na gut, nicht mathematisch. Aber diese Ereignisse und Emotionen waren eigentlich zu viel für schlappe 31 Tage. Doch glücklicherweise lassen sie sich übersichtlich ordnen – wie wir vom Trendsetter-Sender ZDF gelernt haben, sind Ranglisten ja sehr in Mode.

Platz sieben der Neuigkeiten im siebten Monat: Der Spion ist wieder da. Manche dachten beim Begriff „Kalter Krieg“ inzwischen nur noch an den Konflikt um die Klimaanlage im Büro. Andere glaubten, dass das Abhören von Politiker-Handys das Bespitzeln von Mensch und Mensch ersetzt hat. Weit gefehlt! US-Spione wurden enttarnt und von der Bundesregierung ausgewiesen. Das muss eine richtige Maßnahme sein, denn sie schafft Arbeitsplätze. Wer sich für den neuen Ausbildungberuf „Spion/Spionin bei Freunden“ bewerben will, sollte sich sofort melden. Am besten ein Selfie mit Schlapphut machen, die Bewerbung ins Handy brüllen – und darauf hoffen, dass der Richtige es abhört.

Auf Platz sechs kommen die Unwetter. Jedes Jahr ist es aufs Neue überraschend, dass es im Sommer heiß wird und gelegentlich gewittert. Immer wieder stellen sich verzweifelteMenschen im gefühlten Wetternotstandsgebiet Deutschland die bangen Fragen: Ist das schon der Klimawandel? Kann ich morgen grillen? Und was soll ich anziehen? Für alle Nachrichtensendungen und Fahrstuhlgespräche auf jeden Fall ein Top-Ereignis.

Platz fünf belegen die innovativen Abzock-Vorschläge: Eine Maut für Pkw, eine Steuer für Kalorienbomben. Dabei ließe sich beides so schön verbinden. Wer nach dem Essen Auto fährt, sollte zur Kasse gebeten werden. Denn fehlende Bewegung macht dick – und jedes zusätzliche Gramm Körpergewicht erhöht den Benzinverbrauch und belastet den Straßenbelag. Gerüchteweise werden manche Schlaglöcher auf deutschen Straßen schon bald nach Ex-Fußballtrainer Rainer Calmund oder SPD-Chef Sigmar Gabriel benannt. Und hinterm Steuer lassen sich Kaloriensünder leicht ermitteln: Es müssten nur Nacktscanner an jeder Autobahnauffahrt installiert werden. Zugegeben, das ist nicht ganz billig. Aber das Geld kann wieder reinkommen, wenn die Regierung die Bilder hinterher an RTL II weiterverkauft. Dem Privatsender gehen nämlich für seine total seriösen Informationssendungen gerade die Nackten aus. Vielleicht sollte das Schamgefühl auch noch besteuert werden.

Platz vier: Roberto Blanco wurde per Haftbefehl gesucht, nur weil er keinen Unterhalt an seine Ex-Frau gezahlt hat. Eigentlich sehr unfair. Ein Mann in Blancos Alter kann sich vielleicht an die fließenden Übergänge zwischen ehemaliger und aktueller Ehefrau gar nicht mehr genau erinnern. Außerdem spielte der Künstler mit offenen Karten. Sang er doch: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Von Unterhalt war dabei nie die Rede.

Auf Platz drei kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wurde 60 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Denn sie schafft es, so zu wirken, als sei sie es immer schon gewesen. Vielleicht steckt dahinter ein Schönheitstipp: Wer in der Jugend nicht jung aussieht, gilt im Alter als zeitlos. Und ihre Fröhlichkeit in den letzten Jahren hat sie bestimmt auch ihrem Ehemann zu verdanken. Schließlich heißt es nicht umsonst: Sauer macht lustig.

Platz zwei: Das ZDF wurde kreativ. Zuerst war es angeblich ein Versehen, dass bei der Wahl zu den „besten Deutschen“ auch Leserumfragen berücksichtigt wurden. Aber, welche Erleichterung, so stümpferhaft ist ein öffentlich-rechtlicher Sender dann doch nicht. Die Redaktion hatte nämlich alles gezielt manipuliert. Die Promis, die das ZDF für die Show bekommen konnte, waren einfach die besten Deutschen. Oder, wie viele es auch pragmatisch bei Partner-, Arbeitgeber- oder Bundestagswahl sehen: Die Besten sind die Verfügbaren. Zweifellos beging das ZDF damit einen Betrug am Zuschauer – zeigte aber auch einen Einfallsreichtum, den mancher den Fernsehmachern vom Lerchenberg gar nicht zugetraut hätte. Schade, dass der im Programm mit bloßem Auge noch nicht zu bemerken war.

Platz eins: Deutschland wurde Fußball-Weltmeister. Für die meisten der schönste Augenblick des Monats. Das Wir-Gefühl kannte keine Grenzen, manche fühlten sich versehentlich sogar eins mit ihren Kollegen oder Nachbarn. Lediglich eine kleine Minderheit, die vermutlich nur aus der Autorin dieser Zeilen besteht, atmete auf: Endlich ist die Weltmeisterschaft vorbei, und es geht mal wieder um andere Themen. Es hätten allerdings nicht unbedingt der Abschuss einer Maschine über der Ukraine, Flugzeugabstürze und Gaza-Krieg sein müssen. Und weil diese Katastrophen weder geplant noch erwünscht waren, bekommen sie aus Protest auch ganz bewusst keine Plätze in der Rangliste von „Pias Potpourri“. Denn die arbeitet, im Gegensatz zum ZDF, total seriös. Hier wird niemand gefragt und das ganz bewusst berücksichtigt.