Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Juli 2016

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem Monatsende eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

DER WAHNSINN IST NUR EINE ERWEITERTE REALITÄT

Endlich ist sie da, die Sommergeschichte! Zwar wollte sich in diesem Monat das Sommerloch angesichts von Terror-Anschlägen und Türkei-Putsch partout nicht auftun. Aber die Kunst besteht schließlich darin, auch Löcher zu stopfen, die gar nicht vorhanden sind (Werbung) oder das Stopfen der vorhandenen vorzutäuschen (Politik). Und so kam schließlich die Rettung, die Antwort des Sommers 2016 auf Ice-Bucket-Challenge und ausgebrochene Kängurus: Pokémon Go!

Dieses neue Smartphone-Spiel greift auf die Standortdaten des Spielers zu, sodass dieser in der realen Welt gegen Pokémon-Figuren kämpfen, sie fangen und tauschen kann. Das heißt „augmented reality“ – erweiterte Realität. Allerdings begreift vermutlich nicht jeder, dass es die Welt gibt, die Pokémons aber nicht. So drohen Verwechslungen.

Ein paar Hinweise zur Unterscheidung gibt es allerdings: Begegnet der Mensch einem Pokémon, kann er weglaufen, es fotografieren oder fangen. Begegnet er in der realen Welt etwas Ungewöhnlichem, hat er dagegen heute nur zwei Optionen: ein Selfie machen oder sein Essen fotografieren. Laut einer Umfrage haben 61 Prozent der Deutschen letzteres schon getan. Denn die Mahlzeiten knipsen sich leider noch nicht selbst. Dabei wären Food-Selfies durchaus möglich. Der Urlauber müsste nach dem Selbstfoto nur gezielt in einem Fluss mit Krokodilen baden.

Aber es gibt auch höhere Ziele. So erreichte die Nasa-Sonde Juno den Jupiter – und dieser Planet könnte ein ideales Ausweichquartier für Teile der AfD werden. Denn die Landtagsfraktion der Partei in Baden-Württembuerg spaltete sich. Und nun wollen sich gegenseitig so viele Mitglieder zum Mond schicken, dass es auf dem Erdtrabanten bald zu voll sein dürfte.

Leerer wird es dagegen in der EU, nach dem die Briten den Brexit beschlossen haben. Aber es dauert noch etwas. Erst einmal wurde Theresa May zur neuen Premierministerin ernannt, Boris Johnson zum Elefanten im Porzellanladen – das ist in diesem Fall die freie Übersetzung für „Außenminister“. Lieder verabsäumte das Kabinett, sich als Pokémon-Figuren zu verkleiden, das hätte mehr Sympathien gebracht. Der Austritt aus der EU ist allerdings erst für 2019 avisiert. Und damit bleibt spannend, was eher eintritt: der Brexit oder die Fertigstellung des Berliner Flughafens.

Wer allerdings dann Bundesminister für Wirtschaft und Energie ist, steht in den Sternen. Denn gerüchteweise gibt es auch dort bald eine Art Pokémon-Jagd. Nur ist der große Moppel, dessen Ministererlaubnis für die Übernahme von Tengelmann und Edeka außer Kraft gesetzt wurde, gar kein Pokémon. Sondern Sigmar Gabriel.

Mancher könnte jetzt angesichts all dieser Entwicklungen ausrufen: „Das ist doch Wahnsinn!“ Und ja, er hätte Recht. Nur heißt dieser Zustand im Sommer des Pokémons vermutlich gar nicht mehr Wahnsinn. Sondern „erweiterte Realität“.