Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Juni 2016

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem Monatsende eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

Pias Potpourri Juni 2016

DAS WETTER WILL EINFACH MEHR AUFMERKSAMKEIT

Möglicherweise gibt es beim Erscheinen dieses Rückblicks schon gar keinen Monat mehr. Und all die Unwetter, die den Juni aus den anderen Monaten hervorblitzen ließen, waren nur ein Vorspiel für den Weltuntergang, der ja seit Jahren fast stündlich erwartet wird.

Vielleicht hat das Wetter mit seinem Donnergrollen aber auch nur die Stimmung auf der Erde imitiert – und da gab es einige schlechte Vorbilder.

So wollte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Grünen-Politiker Cem Özdemir einem Bluttest unterziehen. Denn weil dieser die Armenien-Völkermord-Resolution unterzeichnete, kann er nach Erdogans Meinung kein „richtiger“ Türke sein. Und bestimmt hat der Mann Recht. Denn Gerüchten zufolge lassen sich in Özdemirs Blutbild überhaupt keine halbmondförmigen Blutkörperchen finden. Und es fehlt jeder Hinweis auf die Blutgruppe „PKK negativ“.

Außerdem kann der Himmel wohl kaum voller Geigen hängen, wenn nicht einmal Stargeiger David Garrett in der Liebe den Bogen raus hat. Der angeblich so sensible Künstler war zwar zärtlich zu seiner Geige, aber angeblich nicht zu einer Prostituierten, die ihm jetzt Gewalttätigkeit vorwirft. Dabei hatte alles so schön angefangen: Der Fiedler hatte sich abends die Dame beim Escort-Service bestellt – natürlich nur, um mit ihr zu reden. Das zeugt von derselben edlen Geisteshaltung, bei der früher das Herrenmagazin „Playboy“ allein wegen der Interviews gekauft wurde. Unwahrscheinlich allerdings wirkt, dass die Prostituierte tatsächlich glaubte, Garrett habe sie heiraten wollen. Mit einer Ehefrau wollen Männer doch nicht reden.

Wenn sie aber einmal Quasselwasser getrunken haben, geht es meistens um Fußball. Und da bot die Europameisterschaft  wieder genügend Gesprächsstoff. Das empfand das Wetter, das sonst als Small-Talk-Thema immer an erster Stelle steht, bestimmt als ein wenig unfair – und versuchte auch deswegen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein Tornado gegen ein Unentschieden – da muss doch einfach mal das Wetter vorne liegen.

Zudem wird der Brexit die Wolken nicht gnädig gestimmt haben. Scheidet doch mit Großbritannien nun ein Land aus der Europäischen Union aus, das schlechtes Wetter besonders klaglos entgegennimmt und wo die Frauen selbst bei Kälte und Regen ohne Strumpfhosen und in Sandalen herumlaufen. Diese Anspruchslosigkeit und diese Genügsamkeit sind im Rest Europas kaum noch zu finden.

Vielleicht ist das Wetter aber nur gekränkt, weil die Abkürzung für „verrücktes Wetter“ VW lautet – und somit Verwechslungsgefahr droht. Und wer kann das wollen, wenn gegen Markenchef Herbert Diess wegen des Verdachts der Marktmanipulation ermittelt wird. Immerhin will VW nun 40 seiner Auto-Modelle streichen. Im Zuge der neuen Transparenz kommen dafür dann vielleicht bald die neuen Modelle „Golf STI“ (Stinker), „Mist-Käfer – der ganz neue Beetle“ und der für die Smog-Erzeugung besonders geeignete „Seat Peking“.

Wie aber lässt sich das Wetter wieder gnädig stimmen? Die alten Unterwerfungsgesten wie das ständige Herumtragen von Regenschirmen helfen leider nicht mehr. Vielleicht müssen die Menschen einfach wieder ehrfürchtig staunen: „Donnerwetter!“ Und dann nicht verraten, dass sie nur das Liebesleben von David Garrett meinen.