Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Juni 2019

DIE MAUT-SCHAM IST GAR NICHT BESCHEUERT

Manchen ist gerade etwas heiß, und ihr Gesicht glüht. Aber im besten Fall handelt es sich dabei nicht um Sonnenbrand durch brutalstmögliche UV-Strahlung. Sondern um ein wieder ganz neu entdecktes  Gefühl: die Scham.

Bevor jetzt aber gleich zu viel Optimismus ausbricht: Auch im Juni waren rücksichtslose Gemeinheiten, die Preisgabe von Intimitäten oder fehlende Kommata kein offizieller Grund zum Schämen. Das alles hat das Internet salonfähig gemacht, und es wird schamlos dafür genutzt. Aber die putzige Retro-Emotion des fernen analogen Zeitalters hat nun eine andere Ausdrucksform gefunden: die Flugscham.

Menschen sollen sich nach Ansicht mancher Aktivisten dafür schämen, das Flugzeug zu benutzen. Das verblüfft. Schließlich sind Flugpassagiere angeschnallt, werden vorher kontrolliert und müssen meistens ihr Handy ausschalten. Das verringert die Möglichkeiten von Handlungen, derer sie sich schämen müssten, ganz außerordentlich. Und das Klima ist am Arbeitsplatz, wo der sonst heiße Luft ausstoßende Reisende fehlt, gleich viel besser.

Aber wenn Scham angesagt ist, ließen sich noch weitere Formen finden. Möglich wäre etwa die Stau-Scham – weil man schon wieder gleich am Ferienbeginn losgefahren ist. Oder die Bahn-Scham – weil man mit seinem Fahrschein einen Konzern unterstützt, der das Schöne-Wochenende-Ticket eingestellt hat. Dabei ist die Bahn nur ehrlich: Wer Züge nutzt, kann dabei kein schönes Wochenende haben. Obwohl das Klima auch hier profitiert. Spart doch ein Ausfall der Klimaanlage Strom und erhält gleichzeitig Arbeitsplätze im Krankenhaus. Von dieser Mischung aus ökologisch und sozial kann die SPD nur träumen.

Allerdings leidet sie derzeit auch unter Chef-Scham – nachdem nun Andrea Langstrumpf alias Nahles zurückgetreten ist. Dabei handelt es sich um ein klares Gefühl, dass man dieser Splitterpartei nicht mehr vorstehen möchte, weil einen alle so schräg ansehen. Manche werden dann richtig rot – und das hat ja bei der SPD nun wirklich nichts mehr zu suchen.

Hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit ist die Maut-Scham – die Woge der Peinlichkeit, wenn der EuGH einem die gegen alle Widerstände durchgeboxte Maut als rechtswidrig um die Ohren haut und man so Steuergelder in den Sand gesetzt hat. Aber wir wollennicht sagen, wer sich dafür schämen müsste. Schon die plumpeste Namensanspielung auf den Verkehrsminister wäre bescheuert.

Weltweit gar nicht ausgeprägt ist dagegen die Dumm-Scham, auch nicht bei US-Präsident Trump. Na gut, er nannte Charles den „Prince of Whales“, also den Prinzen der Wale. Aber wer kann auch ahnen, dass der britische Thronfolger zwar mit Lebensformen wie Bäumen und Markus Söder spricht, aber keine Meeressäuger unter sich hat?

Möglicherweise sollte jedoch vor dem nächsten Krieg noch mal kurz  nachgefragt werden, ob wirklich ein Tanker im Golf von Oman angegriffen wurde. Oder nur ein Tankdeckel am VW Golf von Oma.

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