Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri März 2015

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten Donnerstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri März 2015

Schon jetzt die Brille zur Klimakatastrophe kaufen!

Der Frühling ist da? Lassen Sie sich nicht täuschen. Denn in diesem Monat war vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Nehmen wir zum Beispiel die Sonne. Normalerweise ist die Begegnung mit ihr recht erhellend, aber am 20. März zeigte sie sich bei der partiellen Sonnenfinsternis ein wenig düster. Musste sie sich verschleiern, weil der IS schon den Himmel kontrolliert? Wollte sie nur kokett ein paar Sonnenflecken verbergen? Forscher erklärten immer wieder, sie werde kurzfristig vom Mond beschattet. Das verweist bestimmt auf eine neue Affäre des US-Geheimdienstes NSA. Denn wer war auf dem Mond und hat dorthin die besten Kontakte? Natürlich die Amerikaner.

Alles bleibt jedoch zur Vermutung, weil zur Betrachtung der Sonnenfinsternis fast überall die richtige Brille schon ausverkauft war. Das heißt natürlich, dass der trendbewusste Bürger für die nächsten Himmelsereignisse und Unglücke rechtzeitig vorsorgen muss. Am besten schon jetzt eine Brille zur finalen Klimakatastrophe (Taucherbrille mit WWF-Panda) und zum Weltuntergang (kratzfest, mit Arche-Noah-Logo) besorgen. Denn diese Events lassen vielleicht keine lange Zeit zur Vorausplanung.

Mit welcher Brille Griechenland gesehen werden sollte, liegt im Auge des Betrachters. Viele wählen da eine Fassung in Blau-Weiß: „Mit einem blauen Auge davonkommen lassen? Weiß nicht!“

Die allerdings löst noch nicht das Varoufakis-Böhmermann-Paradoxon, das noch anspruchsvoller ist als Platons Höhlengleichnis. Beim Höhlengleichnis sehen die Bewohner einer Höhle nur die Schattenbilder der wahren Welt und halten diese für die Realität. Beim Varoufakis-Böhmermann-Paradoxon sieht der Betrachter eines Videos einen Stinkefinger des griechischen Finanzministers Varoufakis, der nach dessen Angaben aber so gar nicht existiert hat. Zudem behauptet Moderator Jan Böhmermann, den Stinkefinger gefälscht zu haben, bestreitet aber gleichzeitig diese Aussage – weil es sich um Satire handelt. Was also ist die Wahrheit? Hätte sich Platon damit auseinandersetzen müssen, er hätte die Höhle vermutlich zugeschüttet.

Auch bei der EZB-Eröffnung kam es auf die richtige Brille an. Offenbar waren die rosaroten, die EZB-Präsident Mario Draghi zur Einweihung trug, schon seit noch längerer Zeit vergriffen als die Sonnenfinsternis-Schutzbrillen. So kam es zu Blockupy-Protesten, die in Gewalt ausarteten. Da erstaunt es kaum, dass die Isländer nicht mehr in die EU wollen. Immer nur Steine schleudern und den Verkehr lahmlegen – das kann schließlich auch ihr Vulkan Eyjafjallajökull, und zwar wesentlich effektiver.

Und in der Forschung ist Europa ohnehin abgehängt. So glückte in Südafrika die erste Penistransplantation. Ein kleiner Schritt an sich, aber ein großer Schnitt für die Männlichkeit. Wer aber bislang hoffte, dass sich die sexuelle Aktivität von Popp-Titan Dieter Bohlen oder Ex-Nationalwitzfigur Lothar Matthäus irgendwann auf natürlichem Weg erledigt, muss jetzt sehr tapfer sein. Denn vielleicht bekommen beide später noch neue Organe nach einem Penisspendenmarathon bei RTL.

Jeder Zusammenhang von Penistransplantationen mit der Hochzeit von Oscar Lafontaine und Sahra Wagenknecht muss allerdings empört zurückgewiesen werden. Denn erstens gaben sich beide schon vor Monaten das Ja-Wort, es wurde nur erst jetzt bekannt. Und zweitens hat Oscar Lafontaine einen Sex-Appeal, der von jedem äußeren Eingriff unabhängig ist. Dieser ist allerdings nur für vier Frauen mit bloßem Auge wahrnehmbar, und die haben ihn alle geheiratet.

Bleibt nur die Diagnose: Die Welt ist kurzsichtig, habt aber auch Schwächen im Nahbereich. Das erfordert eine Gleitsichtbrille mit Unglücks-Schutzfolie und Lotussitz-Effekt. Verhindert doch nur diese die weit verbreitete optische Täuschung, der bestimmt auch Varoufakis erlag: Denn der moralische Zeigefinger, den alle so gern erheben, ist nach neuesten Forschungen gar nicht der in der Mitte.