Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri März 2017

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem Monatsende eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

Pias Potpourri März 2017

 

EUROPA, HÜTE DICH VOR SCHNAPS UND FRAUEN!

Die Frühlingsgefühle haben Sie so richtig gepackt? Sie fühlen sich nach dem wärmsten März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen fast wie im Süden? Da lässt sich gemäß der neuen Welterklärung von Jeroen Dijsselbloem nur sagen: Halten Sie Ihr Portemonnaie fest!

Hat doch der Chef der Eurogruppedavor gewarnt, wohin südeuropäisches Lebensgefühl führen kann: zum Geldausgeben für Schnaps und Frauen, nach dem man hinterher um Hilfe bitten muss. Na gut, immerhin ist das keine Verschwendung. Sagte doch einst Ex-Fußballer George Best: „Ich habe viel Geld für Alkohol,Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest hab’ ich einfach nur verprasst.“ Aber heute wäre diese Aussage verpönt – schnelle Autos schaden ja der Umwelt.

Außerdem stößt der Ausspruch von Dijsselbloem auch aus einem anderen Grund so bitter auf wie Kräuterschnaps. Sollte doch im Monat des Frauentags auch das weibliche Geldausgeben für Aperol Spritz und Männer thematisiert werden. Sonst werden Hunderttausende Gigolos, die in deutschen Betten aufopferungsvolle Arbeit leisten, unzulässig diskriminiert.

Vielleicht beschlossen die Briten auch deswegen endgültig den Brexit, weil ihnen für fremde Frauen und Schnäpse einfach das Geld fehlt. Die Queen ist schließlich teuer genug, der Welt-Gin-Vorrat seit dem Tod von Queen Mum 2002 vermutlich noch nicht aufgefüllt.

Doch auch wenn die Einstellung zu Schnaps und Frauen Europa spaltet – kritisch wird es erst, wenn Politiker damit nichts mehr am Hut haben. Hätte sich etwa der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nur lebensfroh dem Genuss von Bauchtanz und Raki gewidmet, wäre es wohl nicht zum Streit um die Auftritte türkischer Minister in Deutschland und den Niederlanden gekommen. Der eskalierte so weit, dass sogar holländische Kühe aus der Türkei ausgewiesen wurden.

Auf deutschen Weiden gab es aus Protest Solidaritätskundgebungen mit dem eingängigen Slogan: „Nur Mut!“ Menschen hörten aber nur das übliche „Muh! Muh!“ Immerhin konnte Ministerpräsident Mark Rutte bei der Wahl in den Niederlanden durch den Türkei-Streit innenpolitisch wieder punkten und blieb im Sattel. Ob er aus Freude darüber nun Geld für Genever und Frau Antje ausgibt, ist noch nicht überliefert. Das als Dijsselbloems Landsmann zu tun wäre aber (Achtung, hollandfeindlicher Witz!) ziemlicher Käse.

Doch glücklicherweise gibt es Länder, die die Moral hochhalten. Etwa Russland. Da es nicht in Südeuropa liegt, geben die Russen gemäß Dijsselbloem kein Geld für Schnaps und Frauen aus. Jedenfalls nicht so viel, dass sie andere um Hilfe bitten müssen. Dafür sind sie hinterher viel zu betrunken. In diesem Monat hatten die Russen allerdings auch Grund, ihren Schmerz im Wodka zu betäuben. Ihre Sängerin Julija Samoilowa darf nämlich nicht zum Eurovision Song Contest in die Ukraine einreisen. Per Satellit möchte Russland in Kiew nicht zugeschaltet werden. Völlig verständlich. Könnte doch die schrille Frequenz mancher Song-Contest-Beiträge vermutlich die wertvolle Abhörtätigkeit stören.

Wie aber sieht es bei uns Deutschen mit der Dijsselbloem-Disziplin aus? Natürlich sehr gut. Gemäß dem Spruch „Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps“ trinken Bundesbürger lediglich in selbst definierten Arbeitspausen. Geld wird oft nur widerwillig für Ex-Frauen ausgegeben und heißt dann „Unterhaltszahlung“: Die wirtschaftliche Kompetenz der Deutschen zeigt sich aber vor allem darin, dass sie die Kneipe ebenfalls „Wirtschaft“ nennen. Wenn sie sich dort aufhalten, legen sie also nur effektiv Geld an. Denn die Promillezahl von Schnaps liegt bald höher als die Zinsen auf dem Sparbuch.