Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Mai 2018

DER PREIS IST NICHT MEHR HEISS

Der Mai ist ein Wonnemonat? Das muss ihm leider aberkannt werden. Nicht etwa weil es in diesem Monat schlecht lief – sondern weil Auszeichnungen nicht mehr im Trend liegen. Der Preis ist nicht mehr heiß! Deswegen lehnen wir hier schon mal vorsorglich alle Preise ab, die wir gar nicht erst bekommen hätten.

Die Lage ist nämlich schon prekär genug. So muss die Hochkultur nicht nur das Aus für den Musikpreis Echo verkraften, der gerüchteweise nach dem Widerhall des Bösen benannt wurde. Auch der Literaturnobelpreis ist für dieses Jahr auf Eis gelegt, weil es in der Stockholmer Akademie einen Skandal um sexuelle Belästigung gab. Das wirft natürlich moralische Fragen auf: Werden diejenigen, die sich für Preise mühsam hoch geschlafen haben, gar nicht mehr gewürdigt? Und sollen Jurys nun plötzlich auf Talent achten, das sie doch oft gar nicht beurteilen können? Das könnte ohne die bisher vorgeschriebenen Ruhepausen auf der Besetzungscouch zu schweren Überlastungen führen – wie beim Bremer Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das Asylbescheide einfach nicht mehr prüfte.

Wie gut, dass da wenigstens der Eurovision Song Contest (ESC) über jeden Verdacht erhaben ist – und der großartige vierte Platz für den deutschen Kandidaten Michael Schulte nicht wackeln kann. Denn selbst wenn es fragwürdige Texte gibt, werden diese beim ESC dank schlecht englisch sprechender Interpreten meist nicht verstanden. Und sexuelle Belästigung ist schon aus praktischen Gründen schwer möglich: Die einen schwenken Fähnchen, die anderen halten sich die Ohren zu. Da bleibt zum Grabschen meistens gar keine Hand frei. Wenn aber doch, würde das von der akustischen oder geschmacklichen Belästigung schnell überlagert.

Auch der Sieg von Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale wird vorerst nicht angezweifelt. Aber vielleicht nur, weil niemand den Pokal bisher auf politische Korrektheit überprüft hat. Schließlich besteht dieser aus feuervergoldetem Sterling-Silber, ist mit Feingold veredelt und Edelsteinen besetzt – das ist natürlich längst nicht so nachhaltig wie ein vollständig abbaubarer Bambusbecher, der von benachteiligten nordkoreanischen Kleinfolterknechten in fair bezahlter Handarbeit geschnitzt wurde. Zudem verfügt er über ein Fassungsvermögen von rund acht Litern Bier oder Sekt – das fordert zu ungesundem exzessiven Alkoholkonsum auf. Und, vielleicht am schlimmsten: Er wurde an eine reine Männertruppe vergeben und wird unten angefasst. Da kann es bis zum Skandal, der alle DFB-Pokalspiele beendet, nur noch eine Frage der Zeit sein.

Vorsichtshalber nicht verliehen wurde die Auszeichnung für die schönste Hochzeit des Monats. Denn die Entscheidung fiele zu schwer.   Auf der einen Seite Prinz Harry und Meghan Markle – auf der anderen Seite Altkanzler Gerhard Schröder und Soyeon Kim. In beiden Fällen gab es Widrigkeiten:   Meghans Vater, der nicht zur Hochzeit kam. Und Soyeons Ex-Ehemann, der nicht loslassen wollte. Zugegeben, die erste Hochzeit war etwas pompöser, das Brautpaar jünger, das Kleid kaum zu übertreffen. Aber  die subtile Romantik bei der fünften Ehe ist als klassisch-norddeutsches Understatement auch nicht zu verachten. Und dann noch der magische Moment, als Schröders Ehering erstmals zu sehen war! Da gratulierte er Wladimir Putin zur Wieder-Mal-Amtseinführung. Oberflächliche Betrachter hätten aber meinen können, er sei habe gar nicht seine koreanische Freundin geheiratet. Sondern den russischen Präsidenten.

Den vermutlich abgesagten Preis für das Tier des Monats erhielte natürlich die Portugiesische Galeere. Diese gefährliche Quallenart genießt große Aufmerksamkeit, macht sie doch  derzeit Badeurlaub in Mallorca und stört beim Abhängen im Meer  die Urlauber. Dabei hat sie sich den Menschen nur in einer Spontan-Evolution angepasst: Sie ist wabbelig und streckt ihre Tentakel auch mal dorthin aus, wo sie nicht erwünscht sind. Der  Unterschied zu ihnen ist also nur graduell. Oder wie es vermutlich in einem alten Weichtier-Witz heißt: rein qualli-tativ.

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