Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri November 2018

NIEMALS GEHT MAN SO GANZ

 

„Er ist von uns gegangen“, hieß es früher oft im November. Aber der düstere Trauermonat hat sich einem Imagewandel unterzogen. Denn heute sorgt nicht nur der Klimawandel für goldene November- Momente, auch die Politiker zeigen, was Trude Herr einstsang: Niemals geht man so ganz.

So ist Horst Seehofer, der Vater aller Fast-Rücktritte, tatsächlich immer noch Innenminister. Nur als CSU-Chef hat er tatsächlich seinen Hut genommen – und das erleichtert vieles. Wussten manche doch zwischendurch schon gar nicht mehr, in welcher Funktion er gerade Unsinn redete. Aber Hauptsache, er ist noch da. Schließlich füllt er eine Lücke, die ein anderer großer Bayer mit ähnlich markigen Sprüchen hinterlassen hat – ein Ex- Fußballer, der leider viel zu früh aus Vernunft verstummte. Aber nun ist Horst Seehofer der Lothar Matthäus der Politik.

Auch Großbritannien will zwar gehen, ist aber irgendwie immer noch da. Der Brexit-Deal liest sich wie eine Scheidungsvereinbarung zweier Partner, die verkünden: „Wir wollen Freunde bleiben.“ Und sei es nur, weil dem Trennungswilligen nach dem ersten Freiheitsdurst jetzt langsam dämmert: Allein komme ich nicht zurecht, und auf dem freien Markt habe ich auch keine Chancen mehr. Auf jeden Fall gibt es nun eine Übergangsphase bis zum Jahr 2022 – und möglicherweise ist auch das nur eine Übergangsphase zur nächsten Übergangsphase.

Aber was ist schon endgültig? Die Hessenwahl hat gezeigt, dass sich niemand da voreilig festlegen sollte. Gab es doch bei der Landtagswahl Auszählungspannen wie früher nur in südlichen US-Bundesstaaten oder anderen Drittweltländern. In dieser Hinsicht lässt sich behaupten, was wettermäßig noch nicht ganz stimmt: Hessen ist das neue Florida.

Hartz IV, die seit Jahren bewährte Kurzübergangsphase in die Armut, soll nun auch wieder verschwinden – zumindest wenn es nach SPD und Grünen geht. Aber hoffentlich bleibt das Konzept zumindest weiterhin in der deutschen Sprache verankert. Denn bisher konnten wenig ehrgeizige Jugendliche lässig als Berufsziel angeben: „Ich hartze.“ Viel zu kompliziert wäre für sie dagegen: „Ich bedingungslos grundeinkomme.“

Das neue Jugendwort „Ehrenmann“ kann da auch nicht mithalten. Es wird angeblich für jeden Menschen gebraucht, der etwas Besonderes geleistet hat. Und auf wen trifft das mehr zu als auf Russlands Präsident Wladimir Putin? Er leistet ständig etwas Besonderes, reitet und angelt etwa mit nacktem Oberkörper, weist Kranichen fliegend den Weg ins Winterquartier, schüttelt Erdogan die Hand oder legt sich im Schwarzen Meer mit der Ukraine an. Wegen dieser unglaublichen Vielseitigkeit musste er nach so vielen Jahren als Zar immer noch nicht gehen – na gut, offiziell heißt er nicht so. Aber das ist vermutlich nur ein Übergang.

Bleibt die Frage, warum die CDU von ihm nicht lernen kann. Schließlich lassen alle drei Kandidaten um den Parteivorsitz ähnlich spektakuläre Aktionen vermissen. Zwar hat Mittelschichtsmillionär Friedrich Merz einen gewissen Unterhaltungswert. Er sägt mal ein bisschen am Grundgesetz, will es am nächsten Tag aber nicht mehr gewesen sein. Und früher machte er mal Steuerkunststückchen mit Bierdeckeln. Aber die Älteren wissen leider noch immer: Das ging niemals so ganz.

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