Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri November 2020

KONTAKT ALS KERNPROBLEM

Der November wurde lange unterschätzt und galt nur als eine Art Vorspiel für den Advent. Doch jetzt hat er die Machtverhältnisse im Kalender dramatisch umgekehrt und zeigt: Der Advent ist nur ein verlängerter November.

Denn der Teil-Lockdown vom November bekommt eine Zugabe. Und der Leitsatz der Kanzlerin lautet: „Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut.“ Das ist gefühlt eine Mischung aus Wildwest ( „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“) und Jean-Paul Sartre („Die Hölle, das sind die anderen.“) Aber aus Letzterem spricht Lebensweisheit.

Schließlich ist in der Politik der Kontakt die Mutter aller Probleme. Da hatte Innenminister Caffier aus Mecklenburg-Vorpommern nur mal kurz Kontakt zum Waffenhändler – schon  musste er zurücktreten. Die AfD hatte Kontakt zu Gästen, die danach zufällig Abgeordnete bedrängten. Die Doktorarbeit von Familienministerin Giffey hatte wohl zu intensiven Kontakt zu ähnlichen Textpassagen. Und einige Menschen hatten sogar engen Kontakt zum Machtklammerer Donald Pippi Trumpstrumpf  („Ich mache mir die Wahl, wie sie mir gefällt“). Als Folge daraus sind sie entweder gefeuert, mit ihm verheiratet, infiziert oder leiden unter Realitätsverlust (mehrere Optionen möglich). Eventuell befolgen ihre Synapsen im Gehirn aber auch nur ein Kontaktverbot.

Doch reicht es für beschränkten Kontakt schon, Kontakt zu Beschränkten zu haben? Auf diesem Missverständnis beruhen möglicherweise manche Demos. Unrealistisch ist jedenfalls die zwischenzeitliche Forderung, sich mit einem Freund zu begnügen. Müsste doch da erst eine Umverteilung stattfinden. Schließlich haben manche viele Freunde, andere dagegen können sie nicht mal an einem Finger abzählen. Für unsympathische Zeitgenossen hilft da wohl nur als staatliche Förderung das bedingungslose Freundvorkommen. 

Wenn Frauen hingegen nur einen einzigen Freund wählen müssten, wäre die Sache oft strähnchenklar: ihren Frisör. Ein weiblicher Alptraum ist daher die Situation, in der Kanzlerin Merkel jetzt steckt: Eine Pandemie an den Hacken, 16 quengelige Ministerpräsidenten – und dann stirbt auch noch der Frisör.

Vielleicht verleiht Udo Walz nun dem Weihnachtsmann-Bart im Himmel mehr Volumen – aber das weiß niemand. Kontakte dorthin sind rar. Bleibt noch das erkenntnistheoretische Problem: Wie fällt der eigene Kontaktverzicht auf, wenn niemand dabei zuschaut? Möglich wären vielleicht Rufe aus dem zum Lüften stets geöffneten Fenster: „Keine Sorge! Ich bin o.k.“ Und o.k. bedeutet künftig natürlich „ohne Kontakte“.

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