Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Oktober 2017

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem Monatsende eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

Pias Potpourri Oktober 2017

 

SEPARATISMUS AUF DER BESETZUNGSCOUCH

Vielleicht liegt es am Herbst. Denn das bunte Blatt ist im Grunde ein Separatist – und wenn es sich vorwitzig von den Bäumen löst, möchte auch mancher Mensch sich von alten Bindungen befreien. Dabei hat die Geschichte deutlich gezeigt: Freiheitsbestrebungen im Oktober können böse Folgen haben.

Oktoberrevolution, die Deutsche Einheit und Luthers Thesenanschlag haben diesen Monat schließlich schon mehr als genug mit Gedenken und Feiertagen gebeutelt. Und die können Arbeitnehmer  zu der gefährlichen Fehleinschätzung verleiten: Ich könnte auch noch mal Urlaub machen.

Dabei lauern mittlerweile in vielen Ferienländern große Gefahren, weil alle vom Separatismus-Fieber infiziert sind. Katalonien  möchte sich von Spanien trennen, Fürstin Charlène angeblich von ihrem Mann Albert und Österreich  von der politischen Mitte. Und in allen Fällen meinen manche Kritiker: Beides passte ohnehin nie zusammen.

Weil aber Touristen oft nicht wissen, was gut für sie ist, musste Air Berlin handeln. Fürsorglich stellte die Airline, die viele Strecken nach Spanien bediente, ihren Flugbetrieb zum 28. Oktober ein. Das ist bitter  für die Belegschaft, die ihre Berufsjahre nun nicht mal in Schokoherzen ausbezahlt bekommt. Aber immerhin zeigte sich die Deutsche Bahn solidarisch. Denn kurz nach dem Air-Berlin-Ende stellte sie, als sie nur flüchtig von Herbststurm „Herwarth“ hörte, fast den gesamten Bahnverkehr ein. So separierten sich dann auch Reisende von ihren Verkehrsmitteln. Und ein bisschen Urlaubsgefühl gab es trotzdem. Denn manche waren irgendwo gestrandet.

Doch die größte Umwälzung ging in diesem Oktober von den USA aus. Denn nach den Belästigungsvorwürfen gegen den US-Produzenten Harvey Weinstein kam ein böser Verdacht auf: Mächtige dicke und hässliche Männer wollen mit hübschen jungen Frauen auf ihrem Zimmer nicht immer nur intellektuell anspruchsvolle Gespräche führen! Dafür aber steht dort in Bewerbungssituationen offenbar oft ein Möbelstück, das in Einrichtungskatalogen nie richtig ausgewiesen wird: die Besetzungscouch. Das ist verwerflich, zeigt sich doch hier ein krasser Verstoß gegen die Kennzeichnungspflicht! Für ähnliche Fälle in Europa sind EU-Normen dringend notwendig. Schließlich muss gerade eine Besetzungscouch ergonomisch wertvoll sein. Sonst werden rückengeschädigte Bewerber und Bewerberinnen unzulässig diskriminiert.

In Frankreich handelt es sich vermutlich eher um eine Besetzungs-Chaiselongue. Aber von dieser möchten sich nun auch die Französinnen separieren. Sie haben den Aufruf gestartet: „Verpfeif’ dein Schwein“. Und damit ist nicht nur Belästigungsaltmeister Dominique Strauss-Kahn gemeint. Nein, auch Männer, die einer Frau auf der Straße nur hinterherrufen, sollen gleich ein Bußgeld entrichten, meint Gleichstellungs-Staatssekretärin Marlène Schiapp. Aber Kleinschwein macht auch Mist. Und wenn da jeder Franzose in die Staatskasse zahlt, kann Präsident Emmanuel Macron endlich das Defizit unter die EU-Obergrenze drücken.

Wer aber nach all diesen revolutionären Umwälzungen im Oktober noch immer nicht zur herrschenden Klasse gehört, sollte in sich gehen – oder zum Weinregal. Denn nach dem ersten „Alkoholatlas“ trinken sozial Bessergestellte häufiger Alkohol. Es ist also nicht nur möglich, sich hochzuschlafen, sondern auch, sich hochzusaufen! Trinken ist offenbar wie Aufstieg im Kopf. Und sollte jemand dann nicht mehr klar denken und torkeln, ist er nach aktueller Deutung nicht etwa betrunken. Sein Verstand hat sich nur vom Körper separiert.