Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri Oktober 2018

SCHON VOR HALLOWEEN IST HESSEN GRÜN IM GESICHT

Sie haben Angst, dass Sie sich heute Abend zu Halloween nicht mehr richtig gruseln können? Völlig zu Recht! Denn dieser Monat hat sein Gruselpulver vorzeitig verschossen. So fanden manche schon den Gedanken an die Ehe unheimlich. Dass aber beim Abholen der Hochzeitspapiere noch Schlimmeres drohen kann, zeigt der Tod des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul. Erst ein Streit, dann eine Schlägerei, und plötzlich taucht zufällig eine Knochensäge auf, die jemand für kleinere Meinungsverschiedenheiten immer dabei hat.

Das klingt nach einem bestialischen Horrorschocker, ist aber offenbar saudische Diplomatie. Deutschland will daraufhin jetzt reagieren. Na gut, gleich die Waffenlieferungen einzustellen, wirkt ein wenig hart. Aber wenn künftig Sägen nach Saudi-Arabien exportiert werden, dann nur noch mit dem taktvollen Warnhinweis: „Achtung, nicht bei kritischen Journalisten anwenden!“ So viel Moral muss sein.

Nur Russland glaubt den Saudis – schließlich weiß es ja, wie leicht man heute als engagierte Diktatur missverstanden wird. So wird Moskau selbst für kleinste Nowitschok- Partys gerügt oder für das Hacken ausländischer Computer. Dabei bezeichnet das russische Außenministerium die Vorwürfe als „unwürdig“. Sie stamme von Menschen mit einer „blühenden Fantasie“. Wer weiß das besser als der Geheimdienst, der diese Menschen so liebevoll überwacht.

Sollten die Halloween-Masken „Saudi-Prinz“ und „Russen-Hacker“ schon ausverkauft sein, tut es auf der Gruselparty auch das Kostüm „Dieseldämon“ (feinstaubgrau mit den Logos der wichtigsten Hersteller). Denn immer neue Enthüllungen über gefälschte Abgaswerte lassen den Deutschen bereits das Benzin in den Adern gefrieren. Aber es wurde immerhin der Dieseldeal vereinbart, der ungefähr bedeutet: Die Autoindustrie wird dafür entschädigt, dass ihre betrogenen Kunden herumnörgeln und in ihrer Trotzhaltung keine Umbauten zahlen wollen. Denn dauernd zu Recht an den Pranger gestellt zu werden, kann sensible Autobauer nachhaltig verstören.

Aber nicht nur Benzin ist ein ganz besonderer Saft, auch Eierlikör. Und dazu gab es ebenfalls erschreckende Nachrichten: Wie der Europäische Gerichtshof urteilte, ist das Getränk nur echt ohne Milch. Dass das aber überhaupt festgestellt werden musste, lässt nur den Schluss zu: Bei einigen Likören wurde jahrelang gesunde Milch reingepanscht! Das hat den ersehnten Schwips unzulässig verzögert. Und möglicherweise war Eierlikör-Botschafter Udo Lindenberg gar nicht immer dauerbeduselt, sondern einfach er selbst. Diese Vorstellung ist besonders unheimlich.

Wer aber den wirtschaftlichen Nervenkitzel bevorzugt, sollte nach Italien fahren. Hat doch die USRatingagentur Moody’s das Rating des Landes für langfristige Verbindlichkeiten von „Bäh-Bäh“ auf „Bäh-Bäh-Bäh“ herabgestuft. Dabei ist doch Italien das Musterland für langfristige Verbindlichkeiten. Schließlich weiß jeder Mafiafilm- Kenner: Da geht es um Angebote und Gefallen, die man nicht ablehnen kann.

Ganz anders natürlich verhält es sich in der Bundesregierung – aber dennoch läuft es da manchem kalt den Rücken herunter. So berichtete SPD-Chefin Andrea Nahles noch kürzlich, ihre Tochter fürchte sich mehr in der Geisterbahn als vor den Wahlergebnissen der SPD (gängige Abkürzung für Splitterpartei Deutschlands). Das schien tröstlich, bedeutete es doch: Bei den Gestalten der Geisterbahn und den führenden Köpfen der SPD handelt es sich mitnichten um ein und dieselben Figuren.

Aber ihre mutigen Worte waren verfrüht, hatten doch die Hessen- und Bayernwahl das größte Gänsehaut-Potenzial und empfanden Halloween bereits vor: Der Urnengang sorgte für passende Friedhofsstimmung bei der Groko. Die Urangst „Mutti geht weg“ wird mit dem Rückzug von Angela Merkel aus dem CDU-Parteivorsitz geweckt. Und sogar Ministerpräsident Volker Bouffier, der Mann mit der kernigen John-Wayne- Stimme, könnte sich klammheimlich gruseln: Denn Hessen behält ihn zwar als Kopf, wird aber gleichzeitig grün im Gesicht.

Kommentar hinterlassen