Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri September 2015

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem letzten oder vorletzten Samstag des Monats eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

 

Pias Potpourri September 2015
AUS DEM ORAKEL SCHMIDT STEIGT KEIN RAUCH MEHR AUF

Was für Bilder! Unser Land erlebt einen ungeahnten Ansturm. Am Münchener Hauptbahnhof kommen Menschen an, von denen nicht klar ist, ob sie mit ihren Bräuchen jemals ins Abendland integrierbar sind und ob nicht ganz falsche Anreize für ihr Kommen gegeben wurden. Offiziell heißen sie Oktoberfest-Besucher.
Natürlich sind sie nicht die einzigen. Immer wieder neue Schlagzeilen zu Flüchtlingen dominierten die Medien. Oft wurden sogar die bisherigen Megathemen „Demenz“ und „Wölfe“ verdrängt. Offenbar ist es nur noch eine Frage der Zeit bis zur Superschlagzeile, die wirklich alle Top-Themen verbindet: „Flüchtling trifft dementen Wolf.“
Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser Land schon jetzt schwere Probleme hat. So gibt es hierzulande immer dümmere Kriminelle! Ein Ladendieb in Fröndenberg kehrte zum Tatort zurück und fragte nach einer Tüte für seine Beute. Dabei nimmt der umweltbewusste Täter doch nun wirklich einen Jutesack mit! Ein Trickdieb in Bad Berleburg versuchte, einen Polizisten auszurauben, indem er ihn umarmte. Ein schwerer Fehler, schließlich sind Umarmungen nördlich der Mainlinie immer verdächtig. Und ein Einbrecher in Bremen stieg ausgerechnet in die Wohnung einer Polizistin ein. Mit solchen Gaunern können wir uns beim internationalen Verbrechen nicht mehr sehen lassen.
Auch beim Event-Tourismus sind wir bald abgehängt. So lockt der angeblich gefundene Gold-Zug, der Nazis nicht etwa im leeren Brandenburg Schatzsucher an, sondern in Polen. Ein schweres Versäumnis. Schließlich hätte Deutschland auch gezielt Gerüchte schüren können, das Bernsteinzimmer befände sich in der Lounge des neuen Berliner Flughafens. Dann wäre dort schon mal was los.
Als sei das noch nicht genug, muss sich unser Land nun auch noch auf eine kulturelle Veränderung gefasst machen, die gerade für Ältere womöglich gar nicht zu verkraften ist: Helmut Schmidt   hat mehrere Tage lang nicht geraucht! Dadurch droht nicht nur allen Beschäftigten in der Menthol-Zigaretten-Industrie die Arbeitslosigkeit. Es stellt sich auch die Frage, ob ein Altkanzler, aus dem nicht permanent Rauch aufsteigt, als Orakel und Mahner in allen Lebenslagen überhaupt noch tauglich ist.
Glücklicherweise sind Frauen beständiger. Die seit ihrem letzten Staatsbesuch schon fast eingedeutschte Queen feierte einen Regentschaftsrekord, sie sitzt nun länger auf dem Thron als Königin Victoria. Angela Merkel ging es ähnlich, sie überholte als CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer. Wer die beiden Ewigregierenden nicht mehr unterscheiden kann, sollte sich an zwei Hinweise halten: Merkel ist die mit den Hosenanzügen – und die Queen die mit dem lustigeren Ehemann.
Ansonsten bleibt nur noch die Hoffnung auf die Wissenschaft. So wurde in Südafrika der „Homo naledi“ gefunden – ein Frühmensch mit einem sehr grazilen Körperbau und einem Gehirn von der Größe einer Orange. Und Fernsehzuschauer ahnen schon: Er ist das „Missing Link“, das fehlende Glied zwischen Mensch, Heidi Klum und „Germany’s Next Topmodel“.
Möglicherweise entwickelt sich aber auch bei uns bald ein ganz anderer Menschentyp: der Homo Wulffi. In Großburgwedel wurde das bisher einzige Exemplar Christian Wulff gefunden, das sich selbst in diesem Monat neu entdeckt hat. So liebt der Homo Wulffi nach eigenen Angaben sehr intensiv seine einst abtrünnige Ehefrau und möchte wieder stärker in der Öffentlichkeit stehen. Und das zeigt eine Spezies, die sich perfekt ans moderne Deutschland angepasst hat. Denn er wählt die Flucht nach vorn und hat ein Gedächtnis von der Größe einer Rosine.