Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri September 2017

Der satirische Monatsrückblick „Pias Potpourri“ ist vielseitig. Von Juli 2007 bis März 2014 war er ein Audio-Podcast, im Mai und Juni 2014 machte er einen Ausflug in die Video-Welt. Seit Juli 2014 ist er an jedem Monatsende eine Rubrik in der Print-Ausgabe der „Frankfurter Neuen Presse“. Getreu dem Motto: Print wirkt – hoffentlich auch auf die Lachmuskeln.

Pias Potpourri September 2017

OH, WIE SCHÖN IST JAMAIKA!

Sie tragen schon Bikini, Flipflops und bunte Bänder im Haar? Völlig richtig. Schließlich lautet das Wort, das am Ende dieses Monats am meisten durch die Medien geht, Jamaika – und die viele Deutsche sind davon begeistert. „Oh, wie schön ist Jamaika“, würde Janoschs Kinderbuch heute politisch korrekt heißen. Manche Kritiker meinen zwar, mit Jamaika sei gar nicht Karibik-Wetter gemeint, sondern eine Koalition von CDU, FDP und Grünen. Aber sie verkennen: Der Jamaika-Trend war im September schon vorher nach Deutschland geschwappt.

So stand die Feierlust der Deutschen der karibischen Lebensfreude nicht nach. Tanzten doch viele von ihnen ausgelassen um die Kultobjekte Auto und Bier, die nie groß genug sein können. Manche sprachen bei diesen archaischen Ritualen auch von Internationaler Automobilausstellung (IAA)   und Oktoberfest. Natürlich konnte die zeitliche Überschneidung verwirren, suchte mancher vielleicht im Käfer-Zelt nach dem ähnlich klingenden VW-Auto. Aber es gab durchaus Anhaltspunkte dafür, wo sich jemand gerade befand: Auf dem Oktoberfest tragen die Frauen Dirndl und zeigen Dekolleté, bei der IAA tragen sie Broschüren und zeigen Bein. Und beim Pkw heißt der unerwünschte Ausstoß Abgasskandal, beim Menschen Bierfahne.

Auch auf den entspannt-berauschten Rastafari, der am Strand selbstvergessen vor sich hintrommelt, hat Deutschland eine Antwort gefunden: Altkanzler Gerhard Schröder. „Hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik’ ich hier“, dichtete er einst in seiner Mannesblüte. Das war in der Vertonung  fast Hannoveraner Reggae. Und wenn der 73-Jährige heute für sich die PR-Trommel rührt, ist das immer noch ein erfolgreicher Paarungsruf. Den erhörte zuletzt die koreanische Dolmetscherin Kim So-Yeon. Zwar gibt es deswegen Unstimmigkeiten mit Schröders vierter Ehefrau Doris, die ihrerseits mit dem niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius liiert ist. Aber wie würde Gloria von Thurn und Taxis vielleicht heute altersmilde sagen: Der Niedersachse schnackselt eben gern.

Immerhin ist Gerhard Schröder noch nicht bei Moderatorin Heidi Klum gelandet, die es geistig mit jedem Cocktail-Schirmchen aufnehmen kann. Angeblich ist sie von Jungspund Vito Schnabel getrennt und wieder frei. Böse Zungen vermuten: Sie konnte einfach nicht den Schnabel halten. Aber belegt ist dieser traurige Umstand bisher nur für ihre Sendung „Germany’s Next Topmodel“.

Müssen wir aber in Jamaika-Zeiten besser englisch sprechen – weil die Insel eine frühere britische Kolonie ist? Lieber nicht. Denn schon minimale Englisch-Kenntnisse können ganz schnell auf den falschen Weg führen. Das zeigt der Slogan einer kroatischen Sprachschule, die neben das Bild von Melania Trump schrieb: „Stell Dir vor, wie weit du mit ein bisschen Englisch kommen kannst.“ Das zog das Institut glücklicherweise zurück. Ist doch die Vorstellung, nur wegen ein paar Fremdsprachenbrocken mit einem Wahnsinnigen verheiratet zu sein, für junge Mädchen einfach zu grausam.

Wir aber in der Berliner Karibik brauchen gar keine langmähnige First Lady – schließlich haben wir den Grünen Anton Hofreiter. Ihm könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Koalitionsverhandlungen    Rastalocken oder Rauten in seine Haare flechten, während FDP-Coverboy Christian Lindner mit seinem Waschbrettbauch Kokosnüsse knackt. Das wäre keine soziale, aber immerhin eine mentale Hängematte. Und mehr Inhalte gab es im Wahlkampf schließlich auch nicht.

Als neue Nationalhymne bietet sich der alte Hit „Sun of Jamaica“ an – aber bitte nicht im Medley mit „Die rote Sonne von Barbados“. Denn da geht es schließlich um einen Untergang der Roten – und solche Anspielungen auf den Zustand der SPD wären taktlos.

Dass wirtschaftlich schon jetzt alles läuft, zeigt die Zug-Fusion von Siemens und Alstom, die sicherlich dazu führt, alle Schwächen von ICE und TGV perfekt zu verschmelzen. Aber beim nächsten Mal müsste Jamaika-Deutschland klare Regeln aufstellen: Ein Joint Venture ist gut. Aber „Venture“ kann notfalls auch wegfallen.