Pia Rolfs

Portfolio

Potpourri September 2020

DURCHLÜFTEN OHNE MAß UND MITTE

Es rauschen die bunten Blätter, aber das muss an Rausch erst mal reichen. Denn der September war ein eher ernüchternder Monat.

Immer noch ist in Profi-Wahlfälscher Alexander Lukaschenko an der Macht, obwohl die EU ihre Moralmuskeln spielen lässt und sich schon vor 2025 auf ein schonungsloses Drohen mit dem Zeigefinger einigen könnte! Aber Europa darf nichts überstürzen. Schließlich ist noch nicht das gesamte Volk in Belarus inhaftiert. Und Zypern wünscht sich zu Weihnachten, dass beim Heben des Zeigefingers Richtung Lukaschenko gleichzeitig der Stinkefinger gegen Erdgas-Erdogan (geheimer Spitzname „Erdogas“) erhoben wird. Das sähe dann fast wie ein Victory-Zeichen aus.

Immerhin kann sich die EU an Debatten berauschen, in Schulen sieht es düsterer aus. Steht doch das Bildungssystem im Corona-Herbst vor der größten Umwälzung seit der Weitergabe der Keilschrift: Lehrer sollen Laptops bekommen und Klassenzimmer gelüftet werden! Dabei war es früher dieser spezielle Mief aus Schüler-Ausdünstungen und prähistorischer Pädagogen-Cordhose, der durch seine betäubende Wirkung manch langweiligen Unterricht erst erträglich machte. Drogen-Experten sprachen vom Lernstoff-Schnüffeln.

Aber auch im Politiker-Humor soll ein anderer Wind wehen. Dabei  erfüllten deren Altherrenwitze lange eine wichtige Funktion.  Signalisierten sie den Artgenossen in der erotischen Diaspora Bundespolitik doch: „Ich bin ein Männchen!“ Wie Christian Lindner und Friedrich Merz das künftig schaffen und ihr Publikum rhetorisch in die übliche rauschhafte Ekstase versetzen sollen, ist unklar. Merz allerdings, das sollten Kritiker ihm zugutehalten, muss sich nach Jahren geistiger Kurzarbeit erst wieder ans Arbeiten gewöhnen.

Einfacher hat es da Ministerpräsident Markus Söder. Denn sein Satz „Mein Platz ist in Bayern“ ist glaubwürdiger denn je. Dürfen doch Münchner wegen ihrer hohen Infektionszahlen vermutlich bald gar nicht mehr ausreisen. Selbst sichere Drittländer wie Schleswig-Holstein haben bei Übernachtungen den Riegel vorgeschoben. Denn der Norden lüftet mit Wind einfach mehr durch.

Bayern droht zudem ungewohnte Nüchternheit: Kein Oktoberfest jetzt – und kein Alkohol auf  Weihnachtsmärkten! Manche konnten im Dauerbesäufnis die Feste lediglich anhand der Getränkegrößen unterscheiden – nun jedoch droht eine Stille wie sonst nur beim Warntag. Und wer ist schuld am Schwarzen Feierloch? Natürlich nicht die Partygänger, die heldenhaft die Bewegungsfreiheit für das Virus durchsetzen. Sondern bestimmt Kanzlerin Angela Merkel. Denn sie versprach einst „Maß und Mitte“, jetzt aber gab es gar keine Wiesn-Maß.

 

 

 

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